Die Schlacht im Hürtgenwald - III. Teil

Oberstleutnant
i.G. Klaus Hammel

V. Hürtgen und Vossenack

Abnutzung des II./Infanterieregiment 112

Mit dem Hellwerden am 3. November stellen die Infanteristen des II./112 auf der offenen Höhennase im Nordostteil von Vossenack fest, daßsie einer verheerenden Feuerwirkung von der Höhenrippe Brandenberg-Bergstein ausgesetzt sind, sofern nicht eigene Artillerie und Luftwaffe die deutschen B-Stellen und Feuerstellungen niederhalten. Wiederum schließt schlechtes Wetter einen Einsatz der US-Luftwaffe aus.

Jede Bewegung zieht einen Granathagel nach sich. Es sieht so aus, als ob Feuerzusammenfassungen gegen jedes Schützenloch gerichtet werden, wenn dort nur ein Kopf gehoben wird. Am Feuer sind Sturmgeschütze, später auch Panzer der I./24 (116. PzDiv) im direkten Richten beteiligt.

Die unterstützenden Panzer der C-Kp/ 707 suchen in der Ortschaft in toten Winkeln von Häusern Schutz oder werden in den Raum Germeter zurückgenommen

Diese zermürbende Situation hält den 4. und 5. November über an. Teile der Infanterie werden nun zumindest in den Schutz der Häuser (Keller!) zurückgenommen. Soldaten innerhalb der Ortschaft verlassen ihre Stellung und sind durch nichts zu bewegen, wieder nach vorne zu gehen. Ganze Teileinheiten andererseits dämmern apathisch vor sich hin, sind nicht mehr ansprechbar und verweigern den Verpflegungsempfang, sofern Verpflegung in der Dunkelheit nach vorne kommt. Dazu Regen, Nässe, unzureichende Bekleidung. Die Ausfälle häufen sich. Der BtlKdr hat einen Nervenzusammenbruch erlitten und sitzt teilnahmslos auf dem Gefechtsstand. Der S-3-Offizier führt das Bataillon.

Am 5. November wird auch die B-Kp/ 707 zur Unterstützung der C-Kp/707 bereitgestellt, dazu die C-Kp des 893. PzJgBtl. Offensichtlich besteht keine einheitliche Führung. Die Chefs sprechen untereinander den Einsatz ab, so daßab dem 5. November nur je ein Pz-und ein PzJgZug ständig in Vossenack eingesetzt sind (“um der feindlichen Artillerie keine Ziele zu bieten!”), die Masse der drei gepanzerten Kompanien verbleibt in einem Bereitstellungsraum im Raum Germeter.

Außer dem feindlichen Artillerie-, Sturmgeschütz- oder Mörserfeuer muß sich das II./112 nur vereinzelten Aufklärungsvorstößen und schwächeren Angriffen der Deutschen, meist nur stoß-truppenartig vorgetragen, erwehren.

Operationsplan der 116. PzDiv

Der Plan - von der Zielsetzung als sehr vorteilhaft zu beurteilen - mit der 116. PzDiv im Zuge der Höhenstraße Hürtgen-Germeter anzugreifen, wurde offensichtlich wegen der Möglichkeiten, die Kräfte nur schmal ansetzen zu können (Waldenge bei Wittscheidt, tief eingeschnittenes Tal des Stein-Bachs südlich Hürtgen, Minenfeld “Wilde Sau”) aufgegeben.

Der Ansatz stärkerer Kräfte von Norden über das Steinbach-Tal auf Vossenack war ungünstig. Der Versuch, mit Pionieren Schneisen durch die Waldstücke nördlich Vossenack zu schlagen, wurde zwar unternommen, als aber das erste Sturmgeschütz auf dem schlammigen Weg steckenblieb, mußte ein Vorführen gepanzerter Kräfte aufgegeben werden. Die PzJgAbt 228 wurde somit zur Artillerieunterstützung und zum überwachen der Straße Hürtgen-Germeter eingesetzt. Bis zum Abend des 5. November hatten sich die vier Bataillone der beiden Panzergrenadierregimenter halbkreisförmig an Vossenack herangeschoben (Skizze 2). Wegen des Geländes und der Witterung mußte der Angriff abgesessen geführt werden. Ein sehr schwieriger, von drei Seiten angesetzter Angriff, die steilen, offenen Vorderhänge nach Vossenack hinauf, nur unterstützt durch die Artillerie und eigene schwere Waffen. Doch General Sträube, KG des LXXIV. A.K. drängte, offensichtlich fürchtete er, daßdie 116. PzDiv bald wieder herausgezogen würde

Panik in Vossenack

Die Beschreibung der nun ablaufenden Ereignisse am Morgen des 6. Dezember soll unverändert aus einer US-Quelle übernommen werden: “Kaum einer der Männer auf dem Höhenrücken konnte verstehen, warum die Deutschen sie diesen Morgen mit dem schon vertrauten' Artilleriefeuer verschonten. Die ungewohnte Stille erzeugte Argwohn. Dann ein kurzer Feuerstoß aus Gewehren oder Maschinengewehren, ein schriller Entsetzensschrei - irgendwoher -, erneut Stille. Bei einsetzendem Tageslicht, etwa eine halbe Stunde später, eröffnen die deutschen Geschütze das Feuer. Beinahe jenseits des Punktes, an dem Gefühle noch spürbar sind, können die Männer nicht mehr standhalten.

Panikgeschüttelt greifen die Soldaten der G-Kompanie nach ihrer Ausrüstung und stürzen kopflos zurück. Beeindruckt durch die Flucht des linken Nachbarn, befiehlt der Kompaniechef der F-Kompanie, auf die Stellung der Reservekompanie zurückzugehen. Doch der Drang davonzulaufen ist ansteckend. Sobald die Männer in Bewegung geraten, kann nichts mehr sie aufhalten. Die Reservekompanie gerät ebenfalls ins Wanken. Obgleich niemand behaupten kann, nur einen feindlichen Soldaten gesehen zu haben, bezweifelt kaum einer, daßdiese ihnen buchstäblich auf den Fersen gewesen sind

Sich schiebend, über andere hinweg stoßend, rasen die Soldaten mit irren Augen durch Vossenack, ihre Ausrüstung wild von sich werfend. Die Umstände haben eine der wirksamsten Kräfte im Kriege an die Oberfläche gebracht, die dazu führt, tapfere Männer in Feiglinge zu verwandeln. Aus dem Gefechtsstand in der Nähe der Kirche herausstürzend, versuchen die Soldaten des Bataillonsstabes verzweifelt, sich der Flucht entgegenzustemmen. Es ist eine unlösbare Aufgabe.

Die meisten Männer denken nur an einen nicht näher zu bestimmenden Ort, der, Sicherheit' bedeutet: die rückwärtigen Stellungen. Gegen 10.30 h haben es die Offiziere geschafft, eine dünne Auffanglinie quer durch den Ort zu bilden, etwa in Höhe der Kirche. Doch diese 'Linie' umfaßt nicht mehr als 70 Mann.13

Deutscher Gegenangriff

Der am Morgen des 6. November auf vier Uhr festgesetzte Angriff der 116. PzDiv auf Vossenack mit vier Bataillonen mußte wegen nicht abgeschlossener Angriffsvorbereitungen verschoben werden. Offensichtlich hat am frühen Vormittag das H./PzGrenRgt 60 allein zweimal versucht, von Südosten und Süden, in den ostwärtigen Teil der Ortschaft einzudringen. Zweimal wird der Angriff abgewiesen. 14 Zum konzentrischen Angriff traten das II./156, das l./60 und - erneut - das II./60 an. Das l./ 156 hatte nur den Auftrag sich bis zur Straße Germeter-Bosselbach heranzuschieben, um Flankierungen aus Richtung Germeter auszuschalten bzw. Gegenangriffe aus dieser Richtung abzuwehren. Die folgenden Ereignisse gehen in den Schilderungen der US- und deutschen Quellen stark auseinander. Der Ablauf kann auch nicht eindeutig rekonstruiert werden, wenn man die unterschiedlichen Zeiten, Z- und A-Zeit, berücksichtigt. Nach den Schilderungen der 116. PzDiv und den Angaben der KTB stieß der etwa ab 11.00 h Ortszeit beginnende Angriff der Division auf starken Widerstand von Panzern und Infanterie im ostwärtigen Teil von Vossenack. Nach den US-Quellen befanden sich etwa ab 11.00 h jedoch nur noch Panzer ostwärts der Kirche. Dieser Widerspruch kann hier nicht aufgeklärt werden. Nach den deutschen Schilderungen dauerte das Vorkämpfen durch Vossenack durch die Teile PzGrenRgt 156 und 60 den ganzen Nachmittag des 6. November an. Beider Angaben stimmten wieder etwa ab 18.00 h überein: Zu diesem Zeitpunkt sind die Deutschen bis zur Kirche vorgedrungen und stoßen dort auf das 146. (US) EngrBtl, das nach der Panik beim II./112 alarmiert und in die Ortschaft geworfen worden war. Die 28. InfDiv hatte ja alle Infanterieverbände bereits eingesetzt. Heftige Kämpfe entwickeln sich um die - mittlerweile - teilweise zerstörte Kirche. Die Amerikaner halten zunächst den Raum um die Empore und den Eingang, die Deutschen sitzen im Chor und in der Sakristei. Feuergefechte durch das Kirchenschiff, Abschüsse von Panzerfäusten, Nahkämpfe mit Spaten, Bajonett und Messer, Ringkämpfe mit den bloßen Händen. 15 Hier stimmen Legende und Wirklichkeit überein: Die Kirche oder Teile davon wechseln mehrfach den Besitzer. Zwischen 22.00 h und 23.00 h ist sie endgültig - bis zum nächsten Morgen - in der Hand der Deutschen (Skizze 3).

  • Übersicht 2: Truppeneinteilung 275.(GE)InfDiv
    Lage am 7.11.44 morgens
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US-Reaktionen

Durch die Wegnahme des ostwärtigen Teils von Vossenack durch die Deutschen und einem möglichen weiteren Stoß in Richtung Germeter droht den Amerikanern ein Abschneiden aller Kräfte, die südlich der Kall, im Raum Kommerscheidt, noch halten. So muß am 7. November das 146. EngrBtl den Ostteil wieder nehmen. Am Morgen des 7. November beabsichtigen aber die Deutschen genau das, was die Amerikaner befürchten: Sie wollen weiter nach Westen angreifen. So stoßen beide Angriffe aufeinander

Die deutschen Kompanien der Regimenter 156 und 60 sind abgekämpft und verfügen kaum noch über Gefechtsstärken von 50 Mann. Mit Panzerunterstützung drängen die Pioniere des 146. Regiments die Deutschen langsam zurück. Die US-Luftwaffe greift mit zahlreichen Einsätzen in die Kämpfe ein. So bleiben am Nachmittag des 7. November nur noch einige Häuser um Pkt 390,1 (Halmes-Mühle) 16 im Besitz der Deutschen. Die Amerikaner haben den Ostteil der Ortschaft ein zweites Mal eingenommen. Nach Abschluß der Kämpfe bleibt der Frontverlauf so, bis die Amerikaner im Dezember auf Brandenberg-Bergstein vorstoßen.

Zur offensichtlich nicht korrigierbaren Legende, die Ortschaft sei insgesamt 28 mal von beiden Seiten eingenommen worden: 17 Vossenack wurde am 2. November zum ersten Mai durch US-Kräfte genommen. Der deutsche Gegenangriff am 6. November bringt den östlichen Ortsteil bis zur Kirche wieder in deutschen Besitz. Der Ostteil wird jedoch am 7. November endgültig wieder an die Amerikaner verloren.

HORIZONTAL FLOURISH LINE

Quelle: HEER - “Vor 40 Jahren” - Truppenpraxis 10/84 - Oberstleutnant i. G. Klaus Hammel

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